Leseprobe – Das Mädchen im See

Damals: Die Liebe töten

Hamburg, 2003

Soleil

„Was du für Liebe hältst, ist eine Krankheit. Ich weiß, du willst das nicht glauben. Ich sehe es in deinen Augen, die mich stumm einen Lügner schimpfen. Dabei bin nicht ich der Lügner. Er ist es.“

Soleil duckte sich unter den Worten des Mannes, die sich wie Schläge anfühlten.

Lügner. Krankheit. Krank.

Aber wie konnte ihre Liebe eine Krankheit sein, wenn sie alles war, was Soleil zusammenhielt?

„Wenn du gesund werden willst, musst du ihn vergessen. Du musst dir jeden Gedanken an ihn verbieten. Jeden Zweifel. Lass ihn los.“

Sie presste ihre Hände auf die Ohren, grub ihre Nägel in die Kopfhaut, bis es schmerzte. Sie wollte den Mann nicht mehr hören, wollte seine Worte ausblenden, die sich bis in ihren Brustkorb geschlichen hatten und wie winzige Monster an ihrem Herz rissen.

„Wie bitte?“, sagte der Mann und legte den Kopf schief.

Hatte sie etwas gesagt? Ja, die Worte waren ohne ihr Zutun aus ihren Gedanken und in die Welt hineingetreten. Ein Flüstern nur, zu dünn, als dass der Mann es hätte verstehen können. Doch egal, wie leise, wie zart und zerbrechlich. Nun, da sie ausgesprochen waren, ließen die Worte sich nicht mehr zurücknehmen.

Das kann ich nicht.

Soleil formte den Satz mit den Lippen. Kein Laut drang aus ihrem Mund. Oder vielleicht hörte Soleil einfach nichts, so laut, wie die Wortmonster in ihrem Inneren brüllten.

Lügner. Krankheit. Lass ihn los.

Der Mann verstand ihre stumme Antwort. „Doch, du kannst es. Du musst sogar“, widersprach er. „Du musst diese Liebe töten, Soleil.“

Soleil hatte begonnen, auf ihrem Platz vor und zurück zu wippen. Der Raum erschien ihr plötzlich winzig, nun, da jeder Winkel mit der Forderung des Mannes ausgefüllt war.

Die Liebe töten. Ihn töten.

Nein, niemals würde sie … Nie …

„Du oder er“, sagte der Mann. „Das ist die einzig relevante Frage. Denn solange er ist, kannst du nicht gesund werden. Und das willst du doch, Soleil. Nicht wahr?“

Ja … Nein. Sie hatte keine Antwort. Wusste überhaupt nichts mehr, außer dass sie nach Hause wollte. Oder ganz weit weg. Irgendwohin, bloß nicht in diesem Raum sein. Tränen rannen über ihre Wangen.

Und die Monster brüllten weiter.

Lügner. Lügner. Lügnerin!

Heute: Knochen im Wasser

Bad Rubinsee, 2020

Hannah

Der Rubinsee war seit Generationen ein Quell für Legenden. Vielleicht lag es an seiner Oberfläche, die einen rötlichen Schimmer annahm, sobald die letzten Sonnenstrahlen des ausklingenden Tages das Wasser streiften, als verberge sich das Tor zur Hölle im Untergrund. Vielleicht waren auch all die Dinge, Hoffnungen und Menschen dafür verantwortlich, die über die Jahre im See verloren gegangen waren.

Im Dorf erzählte man sich, dass der Rubinsee sich in seiner Gier nahm, was immer er wollte. Nur selten spuckte der See etwas wieder aus, und wenn es geschah, so schlug das hohe Wellen.

Hannah kannte die Geschichten über den See. Sie kannte sie alle. Und hatte sie nicht selbst auf schmerzhafte Weise gelernt, dass ein Funken Wahrheit in den Legenden steckte? Damals, ja, damals, als alles in die Brüche gegangen war.

Seufzend legte sie den Kopf in den Nacken und strich sich die braunen Haare aus dem Gesicht, die sich wie immer widerspenstig kräuselten. Die Sonne stand an diesem Augusttag hoch am Himmel und ließ die Wasseroberfläche friedlich erscheinen. Für ihren Spaziergang war Hannah an die nördlichen Ausläufer des Sees gefahren, da die südlichen Badestrände um diese Jahreszeit von Touristen und Schulkindern überlaufen waren.

Hier oben hingegen grenzte der See an die Wälder, deren Buchten von getrockneten Nadeln und Steinen bedeckt waren und die meist im Schatten lagen. Am gegenüberliegenden Ufer schmiegten sich Felswände an das Wasser, und ebendieser Anblick – das Spiegelbild der harschen Berghänge und Tannen im Wasser – zog Hannah, trotz ihrer dunklen Erinnerungen, immer wieder an den Rubinsee.

Ihre Schuhe hatte sie ausgezogen, sodass ihre Zehen vom eiskalten Wasser umspült wurden und sie die Kiesel fühlen konnte, die sich wie Stecknadelköpfe in ihre Fußsohlen bohrten. Hannah hoffte, dass die Ruhe des Sees ihre Energie-reserven für den restlichen Tag auftanken würde. Die vergangene Woche war anstrengend gewesen. Im Büro, in dem Hannah als Personalreferentin arbeitete, mussten sie gerade fünfzehn offene Stellen besetzen und ihr Mitbewohner Christoph hatte es sich in den Kopf gesetzt, das Haus nach den Regeln des Feng-Shui umzudekorieren. Als hätte er geahnt, dass sie eben an ihn dachte, vibrierte ihr Handy in der Hosentasche.

Hannah fischte es heraus und öffnete die Messenger-App. Nachricht von Christoph: Was hältst du von Pastelltönen für die Wände im Wohnzimmer?

Sie biss sich schmunzelnd auf die Unterlippe. Hatte er ernsthaft vor, jetzt auch noch das Wohnzimmer zu streichen?

Können wir darüber reden, wenn ich nach Hause komme?, tippte sie.

Klar, lautete die Antwort, die nur wenige Sekunden später eintrudelte. Wann kommst du denn? Fährst du heute Rebecca besuchen?

Wieder seufzte Hannah. Bei all dem Stress hatte sie in dieser Woche keine Zeit gehabt, zu Rebecca ins Pflegeheim zu fahren. Die stumme Frau bekam außer von Hannah kaum Besuch. Nicht einmal von ihrem Sohn David, der am anderen Ende der Welt sein Leben genoss. Früher war Rebecca im Dorf beliebt gewesen. Jetzt war sie allein. Kein Wunder, wo sie doch seit sieben Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte und die meiste Zeit wirkte, als würde das Leben sie nichts angehen.

Nur Hannah fühlte sich auf merkwürdige Weise verantwortlich für Rebecca. Ihre Eltern und Christoph verstanden das nicht, fragten sie oft, was sie mit der stummen Frau verband. Als Antwort zuckte Hannah jedes Mal die Schultern. Dabei wusste sie es genau. Es war die Buße für ihre alte Lüge und für alles, was danach geschehen war.

Nun steckte Hannah das Handy zurück in ihre Hosentasche, hob einen flachen Stein auf und ditschte ihn über das Wasser. Er hüpfte einmal, zweimal, dreimal, bevor er mit einem leisen Plopp unterging.

Ein lautes Quietschen riss sie aus ihren Gedanken und Hannah schaute auf. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie sich einer Gruppe Touristen genähert hatte. Sie sah eine ältere Frau, um die siebzig Jahre, und ihre Enkelin, deren Rattenschwänze auf und ab hüpften, während sie kreischend ins Wasser lief; ihrem Vater entgegen, der eben mit einem Schlauchboot heran ruderte und winkte. Wassertropfen spritzen in alle Richtungen, so schnell sauste die Kleine durch die Fluten.

Der Mann machte einen Satz aus dem Boot, fasste die Leine mit beiden Händen und watete mit dem Schlauchboot im Schlepptau seiner Tochter entgegen. Als er sie erreichte, nahm er sie auf den Arm und wirbelte sie durch die Luft.

„So ein Kindskopf“, murmelte die alte Dame, wobei sie Hannah anlächelte, die unweit von ihr stehengeblieben war.

„Sieht aus, als ob sie Spaß hätten“, meinte diese.

Vater und Tochter hatten mittlerweile das Ufer erreicht.

„Schaut euch das an!“, rief der Mann und hob einen etwa fünfzig Zentimeter langen, hellen Gegenstand aus dem Boot. „Das muss von einem Reh sein. Ich frage mich, wie das Tier in den See gekommen ist.“

„Cool!“, rief die Kleine und strich mit der bloßen Hand über den Knochen, der von Wasser und Zeit blank poliert worden war.

Auf dem Gesicht der Großmutter zeichnete sich jedoch Entsetzen ab. Ihre Nasenflügel bebten und ein kaum merkliches Zittern schlich sich auf ihre faltigen Lippen.

Hannah sah das.

Sah und begriff.

Auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut. Trotz der Sonnenstrahlen fror sie plötzlich.

„Ja, seid ihr denn wahnsinnig?“, stieß die Großmutter aus. „Wisst ihr nicht, was das ist?“

„Das sind Knochen, Oma“, meinte die Kleine augenrollend. Zu ihrem Vater flüsterte sie: „Dass man den alten Leuten aber auch immer alles erklären muss.“

„Das sehe ich“, antwortete die Alte kopfschüttelnd.

„Mein Gott …“, murmelte Hannah.

War das wirklich das, was sie glaubte? Nein, bestimmt ging ihre Fantasie wieder einmal mit ihr durch, die dunklen Erinnerungen, die sie auf ihrem Spaziergang um den Rubinsee verfolgt hatten. Oder?

Die Alte seufzte, legte eine Hand an die Stirn und schüttelte den Kopf, vermutlich weil sie realisierte, dass der schöne Urlaubstag zu Ende war.

„Wir müssen die Polizei rufen“, stellte sie fest und da lösten sich Hannahs letzte Zweifel auf.

Kratzer und kleine Einschnitte bedeckten den Knochen, als hätten Tiere daran genagt. Er sah alt aus.

„Das da ist nicht von einem Reh, oder?“, fragte Hannah flüsternd.

Keine Reaktion. Der Vater, der den Knochen in beiden Händen hielt, schaute sie voller Unverständnis an und die Kleine schürzte die Lippen.

Nur die Alte schnalzte hörbar mit der Zunge. „Dass man den jungen Leuten aber auch alles erklären muss“, murmelte sie, die Worte ihrer Enkelin wiederholend. „Begreifst du’s denn wirklich nicht, Jochen? Was du da gefunden hast, das gehört zu einem Menschen.“

Ja, der Rubinsee war bekannt für seine Gier. Er nahm sich, was er wollte, und nur selten spuckte er wieder etwas aus. Wenn er es wie heute doch tat, dann würde das hohe Wellen schlagen.

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