Leseprobe – Jedes Neue Leben

Ihr Lieben, bald ist es soweit und „Jedes Neue Leben“ darf in die große weite Buchwelt ausziehen. In der Zwischenzeit bekommt ihr hier schon mal einen kleinen Vorgeschmack. Viel Spaß beim Lesen!

1. Kapitel

Der erste Augenblick in einem neuen Leben ist etwas Besonderes, faszinierend und nervenaufreibend zugleich. Mit geschlossenen Augen fühle ich mich in meinen Körper hinein. Lange Haarsträhnen kitzeln mein Kinn, der Stoff eines T-Shirts kratzt auf meiner Haut, und ich spüre ein leichtes Ziehen im linken Arm, gleich unterhalb des Ellenbogens. Die Haut ist wärmer, als ich es von meinem letzten Körper gewohnt bin, und der Herzschlag regelmäßiger.

Seufzend lasse ich den Kopf in meine Hände sinken. Es ist das erste Mal, dass ich meine neue Stimme höre. Sie ist tiefer als die alte, leicht rauchig, aber trotzdem unverkennbar eine Frauenstimme, und sie hört sich jung an.

Handyklingeln reißt mich aus meiner Trance, und plötzlich flammt Schmerz auf, kriecht von meinem Nacken den Kopf hoch bis in die Schläfe, heiß und stechend, und ich beiße die Zähne zusammen. Es dauert immer ein paar Momente, bis die Berührung des Todes von mir ablässt. Nur langsam ebbt die Schmerzwelle ab, bis bloß eine Ahnung, wie blubbernde Gischt, zurückbleibt.

Mittlerweile sollte ich doch ans Sterben gewöhnt sein, aber jedes Mal trifft es mich überraschend. Als ob ich nicht schon vorher gewusst hätte, was auf mich wartet. Kein Tod ist wie der andere, genauso wie kein Körper oder Leben einem anderen gleicht, und vielleicht ist es gut, dass man sich ans Sterben nicht gewöhnt. Auch wenn das mein Dasein um einiges erleichtern würde.

Ich ignoriere das Handyklingeln. Meine Augen will ich noch nicht öffnen, denn sobald ich das tue, muss ich mich diesem neuen Leben stellen, und dafür bin ich noch nicht bereit. Außerdem hätte ich keine Ahnung, was ich dem Anrufer sagen könnte. Ich weiß schließlich nicht, wer er oder sie ist.

Ich weiß ja nicht einmal, wer ich gerade bin.

Ich atme tief, spüre, wie sich mein Brustkorb hebt und senkt, wie die Luft durch meine Lungen strömt und in den Bauchraum fließt. Alle Gedanken lasse ich von mir abgleiten, bis nur mein Geist und dieser Körper bleiben. Gib mir ein Zeichen, bitte ich stumm. Aber ich erhalte keine Antwort. Da, wo normalerweise alte Erinnerungen, die Stimme oder zumindest das Gefühl meiner Gastgeber sitzen, finde ich heute nur Leere.

Gastgeber, so nenne ich die Menschen, deren Körper ich übernehme. Es ist keine perfekte Bezeichnung, aber besser als alle anderen, die mir bisher in den Sinn gekommen sind. Ich mag es, mir vorzustellen, dass die Menschen, deren Körper ich mir ausleihe, ihn mir freiwillig überlassen. Als Gast eben. Der letzte Gast, um genau zu sein.

Während mein Dasein, dieses Reisen von Körper zu Körper, mir einige Rätsel aufgibt, habe ich zumindest eines herausgefunden: Warum ich hier bin, in dieser Welt, in immer neuen Körpern, und damit weiß ich schon eine ganze Menge mehr als die meisten Menschen.

Jeder kennt diese Geschichten, in denen Leute, die sterben, bevor sie ihre offenen Rechnungen begleichen, zu einem Dasein als Gespenst verurteilt werden. So ähnlich verhält es sich mit meinen Gastgebern. Sie leben, sie sterben, aber irgendetwas ist da, das sie nicht erledigt haben und das sie daran hindert, in Frieden zu gehen. Nur dass sie nicht zu Gespenstern werden wie im Film. Ihre Uhr wird zurückgedreht, manchmal nur wenige Stunden, manchmal ganze Wochen, und sie erhalten eine zweite Chance, ihre letzten Momente zu wiederholen, um alles richtigzustellen. Doch dann haben sie keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Stattdessen bin ich da, als ungebetener Gast, der ihre Bewegungen steuert, mit ihren Mündern spricht und die Bahn ihres Lebens lenkt.

Meine Aufgabe ist es, diese zweite Chance zu nutzen, bevor es zu spät ist. Nur eines kann ich nicht tun, nämlich den Tod verhindern. Egal, ob ich mich dem Schicksal füge oder versuche, gegen den Tod anzukämpfen, indem ich alle möglichen und unmöglichen Sicherheitsvorkehrungen treffe. Wer sterben muss, der stirbt.

Normalerweise kann ich die Anwesenheit meiner Gastgeber tief in mir drin spüren, manchmal in der Brust oder in der Magengegend, ein andermal direkt hinter meinen Augenlidern. Auch eine gewisse Art der Kommunikation ist möglich. Sie können mir Erinnerungen schicken, meinen Kopf mit Bildern oder mit kleinen Wissensstücken füllen, mir Lieder ins Ohr setzen oder Gefühle mit mir teilen.

Die Verbindung mit meinen Gastgebern ist mal enger, mal schwächer. Manchmal werde ich in den ersten Minuten mit einer Rucksackladung an Erinnerungen überschüttet. Es kommt wesentlich seltener vor, aber manche Gastgeber halten sich im Hintergrund, versuchen gar nicht erst, mit mir zu kommunizieren, als sei ihre Überraschung oder ihr Ärger darüber, dass ein Eindringling sich in ihrem Körper befindet, größer als ihr Wunsch, ihre zweite Chance zu nutzen.

Meine heutige Gastgeberin gehört leider zu dieser Sorte. Ich versuche es noch einmal, atme mehrmals tief durch, konzentriere mich auf meinen Herzschlag, darauf, wie das Blut durch die Venen fließt.

Na komm schon, wo bist du? Wer bist du? Wer bin ich heute?

Aber ich fühle nur Leere.

Das Handy vibriert. Diesmal kein Anruf, sondern mehrere SMS.

Endlich schaffe ich es, meine Augen zu öffnen. Instinktiv greife ich nach dem Handy und drücke darauf, doch es ist gesperrt. Wie lautet der PIN-Code? Ich horche in mich hinein, erinnere mich nicht. Natürlich nicht. Wie auch, diesen Code habe ich zuvor nie eingegeben, nie das Handy benutzt. Alles ist neu für mich.

Zumindest den Namen der Absenderin kann ich erkennen – Nachricht von Valentina –, ebenso die Uhrzeit und das Datum. Es ist der vierte August und damit Ferienzeit, sieben Uhr abends. Seit ich zum letzten Mal gestorben bin, sind dreiundzwanzig Stunden vergangen.

Es ist Zeit, herauszufinden, wer ich bin. Also schaue ich mich um.

Heute sitze ich in einem Jugendzimmer an einem Schreibtisch mit Laptop. Die Schultasche sowie ein Stapel Schulbücher und Ordner liegen neben dem Tisch am Boden, eine Jacke ist achtlos über die Lehne des Sessels davor geworfen worden und halb heruntergerutscht. Daneben befindet sich ein Regal gefüllt mit Büchern, Schachteln und Krimskrams.

Eine abgenutzte Couch steht zwischen Schreibtisch und Bett, vermutlich ein Second-Hand-Stück, doch der Stoff ist kaum erkennbar, so viele bunte Kissen türmen sich darauf. Neben der Couch lehnt eine Gitarre, deren Oberfläche so glatt ist, dass sie glänzt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums sind die Tür sowie ein Kleiderschrank.

Nur zwei Bilder hängen an der Wand. Das eine zeigt zwei Snowboarder auf einer verschneiten Piste, das andere ist das Cover einer alten Vogue-Zeitschrift. Soweit ich es erkennen kann, hat meine Gastgeberin weder Fotos ihrer Freunde noch Familie oder irgendwelcher Popstars aufgehängt. Ganz anders als die Zimmerwände früherer junger Gastgeberinnen, die mit Postern ihrer Lieblingsbands, selbstgemachten Zeichnungen und Partyfotos tapeziert waren.

Ich lasse meinen Finger über die Wand hinter dem Schreibtisch gleiten, wo ich die Reste von Klebeband und kleine Löcher wie von Pinnadeln spüre. Die komplette Wand muss früher mit Bildern bedeckt gewesen sein, aus irgendeinem Grund hat meine Gastgeberin diese aber abgenommen.

Mal sehen, welchen Kleidungsstil sie hat. Es mag nebensächlich klingen, doch wie sich meine Gastgeberin anzieht, bestimmt, wie ich in den kommenden Tagen, vielleicht sogar Wochen aussehen werde. Doch als ich die Schranktüren öffne, sehe ich etwas weit Interessanteres als einen Haufen Kleidung, nämlich einen Spiegel in der Innentür. Ein erster Blick auf mein neues Ich.

Ich muss um die siebzehn Jahre alt sein. Langes, goldblondes Haar fällt in leichten Wellen bis über meine Schulterblätter, meine Haut ist gebräunt und ein weißer Rand rund um Augen sowie Nasenrücken erzählt von einem Sommer draußen und von Sonnenschein. Ich habe akkurat gezupfte Augenbrauen, unter denen mich ein wenig gerötete, hellbraune Augen anschauen. Sommersprossen zeichnen sich auf meinen oberen Wangenknochen ab, jedoch nur so leicht, dass ich mein Gesicht nahe an den Spiegel heranbringen muss, um sie zu sehen. Ich trage kurze Jeansshorts und ein schwarzes Shirt. Auf meinem linken Arm, gleich unterhalb des Ellenbogens, verläuft eine Narbe, die frisch zu sein scheint.

Meinem Körper nach zu urteilen, muss ich sportlich sein, denn meine Schultern und meine Kreuzpartie sind breit, mein Bauch flach. Dafür habe ich Rundungen an den richtigen Stellen. Alles in allem bin ich attraktiv, sehr sogar. Meine Gastgeberin muss den Jungs regelmäßig den Kopf verdreht haben.

Das bin jetzt ich.

Noch einmal lehne ich mich nah zum Spiegel und starre in meine braunen Augen. Komm schon, komm. Ich wünschte, meine Gastgeberin würde in Kontakt mit mir treten, eine kleine Erinnerung mit mir teilen, eine Emotion, irgendetwas! Aber sie bleibt stumm.

»Sofia, kommst du runter? Abendessen ist fertig!«, höre ich eine weibliche Stimme rufen. Vermutlich die Mutter meiner Gastgeberin und damit meine Mutter für den Moment.

Ich schmunzle. Sofia. Endlich habe ich einen Namen und das, obwohl die echte Sofia mich nachdrücklich ignoriert.

»Ich komme schon!«, rufe ich.

Ein Schritt nach dem anderen – so läuft das, wenn man sein Leben in den Schuhen immer neuer Leute verbringt. Den ersten habe ich getan, der nächste besteht darin, meine neue Mutter davon zu überzeugen, dass ich immer noch Sofia bin.

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