Leseprobe – Between Destiny and Choice

Leseprobe – Between Destiny and Choice

»Mátalo! Töte ihn! Mátalo!«

Schreie pulsieren durch die Luft und übertönen sogar den lauten Bass aus der Halle über uns. Sie sind wütend, gleichzeitig ekstatisch und sie springen auf die Menschen im Raum über, eine wogende Masse aus schwitzenden Körpern, die Blut fordern.

Ich quetsche mich mit angehaltenem Atem zwischen den vielen Männern hindurch. Endlich erreiche ich den Käfig, einen von Eisenstangen eingerahmten Wrestling-Ring, in dessen Mitte zwei muskelbepackte Männer aufeinander losgehen. Hier vorne ist der Gestank nach Schweiß und Bier etwas weniger stechend und ich kann durchatmen, werde in diesem Moment aber so fest von einem Mann angerempelt, dass ich gegen die Eisenstangen taumle.

Er entschuldigt sich nicht, bemerkt mich nicht einmal, sondern reißt berauscht den Arm in die Höhe. Spuckebläschen landen auf meiner Wange, als er brüllt: »Schlag ihn nieder! Mátalo!«

So läuft das hier im Lucha-Käfig. Niemand nimmt Rücksicht auf den anderen. Das Einzige, was zählt, ist Stärke, und wer nicht groß und stark ist, ist nichts. Der Käfig liegt im Keller einer Diskothek im Norden von Mexico City. Über uns werfen sich die Feierlustigen auf die Tanzfläche und bewegen ihre Körper zum Bass, der so hart durch die Decke und Wände vibriert, dass ich ihn im Bauchraum fühlen kann. Die Partygäste haben keine Ahnung, was sich unter ihnen befindet, dass sie nur durch eine unscheinbare Eisentür am Rand der Tanzfläche treten und eine Treppe hinunterlaufen müssten, um einigen der fähigsten, aber auch brutalsten Kämpfern Mexikos zuzuschauen. Den meisten wäre es vermutlich auch egal.

Meine beste Freundin Remedios gehört zu ihnen. Sie war nur ein einziges Mal im Lucha-Käfig, aus Neugierde darüber, an welchen Ort es mich seit einem halben Jahr einmal im Monat zieht, und sie fand es schrecklich.

»Es ist laut, es ist heiß, es ist eng und es stinkt«, stellte sie mit gerümpfter Nase fest und nannte den Lucha-Käfig einen »Fightclub für Halloween-Clowns.«

»Ehrlich, Anahí, wenn du dir eine gute Show ansehen willst, warum gehst du dann nicht zum Wrestling?«, fragte sie mich damals.

»Weil«, antwortete ich, »eine Show das Gegenteil von dem ist, was ich sehen will.«

Denn die in Mexiko so berühmten Wrestler sind im Grunde nichts anderes als Masken tragende Tänzer. Sie schlagen aufeinander ein, wirbeln sich gegenseitig durch die Luft, vollführen Sprünge und Saltos. Jede ihrer Bewegungen ist einstudiert. Es ist ein Tanz, nichts anderes – hübsch anzusehen, aber ohne jegliche Gefahr. Niemand verletzt sich wirklich. Niemand riskiert, sich einen Knochen zu brechen oder gar zu sterben. Hier ist das anders. Die Zuschauer fordern echtes Blut, echten Schmerz, echte Gefahr – und die Kämpfer, die Luchadores, erfüllen diesen Wunsch.

In diesem Moment geht einer der Kämpfer im Käfig zu Boden. Obwohl er sich nicht mehr rührt, tritt sein Gegner ihm hart in die Rippen, sodass es den muskelbepackten Körper am Betonboden durchschüttelt. Die Menge jubelt. Es scheint unmöglich, aber die Schreie schwellen noch mehr an und bringen die Luft beinahe zum Platzen. Auf meinen Armen breitet sich eine Gänsehaut aus. Bitte, denke ich, bitte, bitte, bring ihn nicht um.

Aber die Zuschauer feuern den Kämpfer an, weiterzumachen, und der Schiedsrichter steht tatenlos am Rand des Käfigs, während der Sieger weiter auf den Verlierer eintritt. In diesem Moment betritt eine schmächtige Gestalt in einem schwarzen Sweatshirt den Ring. Der Statur nach zu urteilen ein Mann, aber er ist wesentlich schmaler als beide Kämpfer. Sein Gesicht wird von einer Kapuze verdeckt, seine Bewegungen sind ruhig. Gemächlich schlendert er durch den Käfig.

»Verzieh dich aus dem Ring, du Irrer!«, schreit jemand. Unzufriedenes Gemurmel kriecht durch das Stimmengewirr und erfasst den Schiedsrichter, der sich endlich von seinem Platz löst und mit ausgebreiteten Armen auf die Gestalt im schwarzen Sweatshirt zugeht. Offenbar will er den Eindringling aus dem Käfig vertreiben, aber der lässt sich nicht beirren, macht noch einen Schritt auf den Kämpfer zu und redet auf ihn ein. Als der Mann nicht reagiert, legt er ihm eine Hand auf den Oberarm.

Ein großer Fehler, denn sofort fährt der Luchador herum und zielt mit seinem Ellenbogen genau auf den Kopf unter der schwarzen Kapuze. Doch der Eindringling duckt sich blitzschnell unter dem Arm weg, sodass ihn dieser um eine Handbreite verfehlt. Dabei rutscht die Kapuze nach hinten und gibt den Blick auf zusammengeknotete hellbraune Haare und ein braungebranntes Gesicht frei.

Instinktiv klammere ich mich an den Eisenstangen fest und sauge die Luft ein. Ich kenne diesen jungen Mann. Das heißt, richtig kennen tue ich ihn nicht, ich habe mich nie getraut, ihn anzusprechen, aber ich habe ihn schon zweimal hier im Lucha-Käfig gesehen. Beide Male stand er am Rand und beobachtete die Kämpfe schweigend, die Augenbrauen zusammengezogen, und die Lippen fest aufeinandergepresst. Nur das Zucken seiner zimtfarbenen Augen, die den Bewegungen der Kämpfer folgten, verriet, dass ihm das Geschehen nicht völlig gleichgültig war.

Meine Faszination galt allerdings nicht seinem Gesichtsausdruck, sondern der Heiligen Schrift, die seine Arme und das Schlüsselbein bedeckt. Reihe um Reihe ziehen sich die winzigen Glyphen über seine Haut und erzählen Geschichten von den aztekischen Göttern. Diese Zeichen sind eine Abwandlung der traditionellen Nahuatl-Schrift, die in der modernen Welt kaum mehr bekannt ist – mit Ausnahme von Orten wie Surayami, der Insel, auf der ich aufgewachsen bin und gleichzeitig dem Tor zur Götterwelt.

Wer ist dieser junge Mann? Wieso habe ich ihn nie zuvor getroffen, wenn er doch die Zeichen meiner Heimat auf der Haut trägt?

Jetzt steht er im Ring, während die Zuschauer brüllend sein Blut fordern. »Mátalo! Schlag ihn nieder! Töte ihn!«

Mein Herz schlägt so fest, als wolle es aus meiner Brust springen. Der muskulöse Kämpfer ist offensichtlich in Rage. Wie ein hungriges Raubtier stürzt er sich auf den Eindringling in seinem Käfig, holt aus und zielt mit der geballten Faust auf den Kopf des Jungen. Sein gesamter Körper bebt, während er sich immer wieder nach vorne wirft.

Aber er trifft den Kerl mit den Tattoos nicht. Blitzschnell weicht der jedem Schlag und Tritt aus. Fast wirkt es, als wüsste er schon im Vorhinein, welche Attacke sein Angreifer geplant hat, sodass er immer eine Sekunde vorher reagieren kann.

Der Luchador wirft seinen Körper nach vorne.

Der Eindringling weicht tänzelnd zurück.

Der Luchador tritt.

Der Eindringling springt in die Luft.

Bei einem besonders harten Vorstoß dreht der junge Mann mit den Glyphen-Tattoos sich zur Seite, sodass die Hand des Luchadors knapp an seinem Körper vorbeisaust. Und die ganze Zeit bewegt sich sein Mund, als redete er mit seinem Gegner, als versuchte er immer noch, ihn zu beschwichtigen.

Es ist ein Tanz, so schön und so tödlich, wie er nur im Lucha-Käfig stattfinden kann. Die Ruhe dieses Zweikampfs breitet sich auf der Tribüne aus und die Schreie verwandeln sich in ein summendes Flüstern. Es ist beinahe unheimlich, wie sich die Stille nach und nach über die Halle legt.

Mit der Zeit werden die Bewegungen des größeren Luchadors langsamer und unbeholfener. Er scheint müde zu werden. In einer letzten Kraftanstrengung wirft er sich brüllend nach vorn. Dieses Mal weicht der Kämpfer mit den Götter-Tattoos nicht aus. Blitzschnell zielt er mit dem rechten Arm auf die Kehle seines Gegners, ein einziger Schlag nur, doch der reicht, und der Kämpfer kippt vornüber.

Für drei Sekunden bleibt die Zeit im Lucha-Ring stehen. Die Masse der Zuschauer schaut reglos auf den Käfig, in dem nun beide Luchadores am Boden liegen, während der junge Mann mit den Götter-Tattoos sich die Kapuze zurück über den Kopf zieht. Niemand kann wirklich glauben, was eben passiert ist, dass dieser schmale Kerl einen der gefürchtetsten Kämpfer der Stadt mit einem einzigen Schlag niedergestreckt hat. Doch dann explodiert der Saal.

Rund um mich herum springen die Leute frenetisch auf und ab, schreien und jubeln. »Mátalo!«, hallt es in der Halle und wider halte ich die Luft an. Wird der junge Krieger auf den Mann am Boden eintreten, wie dieser es vorhin mit seinem Gegner getan hat?

Es ist das ungeschriebene Gesetz des Lucha-Rings: k.o. zu gehen, bedeutet noch lange nicht, dass der Kampf vorbei ist. Wenn die Zuschauer Blut wollen, werden sie Blut bekommen.

Aber er ignoriert die Schreie. Stattdessen lässt er seinen Blick langsam über das Publikum wandern. Als er mich ansieht, fühle ich ein Kribbeln in der Luft, als sei sie elektrisch aufgeladen, und mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter. Bilde ich es mir ein oder bleiben seine Augen länger an meinem Gesicht hängen als auf dem aller anderen?

Doch schon ist der Moment vorbei. Er dreht sich um und verlässt den Ring.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: