Leseprobe – Kuss aus Sternenstaub

1.  Vogelweber

Als Lyra sechs Jahre alt war, nahm ihr Vater sie mit zur Vogelweberei in Eilesruth. Dort saßen die Vogelweber in einem Turmzimmer an einfachen Holztischen und in gewöhnlichen Roben aus braunem Stoff, die viel zu unscheinbar für jemanden wirkten, der dabei war, Leben zu erschaffen. Mit geschickten Fingerbewegungen verwoben sie die Fasern aus Blüten- und Honigpartikeln zu Federgewebe, das sich unter dem Hauch ihrer Magie aufbauschte, bis es die Form eines winzigen Vogels annahm.

Ein Vogelweber winkte Lyra an seinen Tisch, ein dünner Fae, dessen fransige Haare von seinem Kopf abstanden, als seien sie Federn, und dessen spitze Nase leicht gebogen war wie der Schnabel eines Vogels.

„Leg dein Ohr an die Muschel“, wies er sie an und deutete auf ein längliches Metallgefäß, das sich nach oben hin öffnete wie eine Tulpe.

Sie folgte seinen Anweisungen, hörte jedoch nichts. Machte sie etwas falsch? Mit hochgezogener Nase presste sie ihr Ohr fester an die Tulpenöffnung. Der Vogelweber kicherte über ihren angestrengten Gesichtsausdruck.

„Schließ die Augen und lass deine Gedanken frei“, wies er sie an.

„Wozu ist das gut?“

„Tu es einfach.“

Also schloss sie ihre Lider und atmete tief ein und aus. Erst geschah gar nichts. Lyra hörte ihren Herzschlag und das feine Knistern der Blütenfäden, die sich unter der Magie der Vogelweber in Federn verwandelten. Sollte sie einfach so tun, als würde sie etwas hören? Aber was? Sie wollte sich nicht lächerlich machen, indem sie die falsche Antwort gab.

Wie sie so dastand, mit geschlossenen Augen und dem kühlen Metall der Muschel am Ohr, flatterten ihre Gedanken wie von selbst davon, wie sie es immer taten, wenn sie einen Moment der Ruhe hatte. Ihre Mutter hatte einmal gesagt, dass Lyra mehr in ihrer Fantasie lebte als in der wahren Welt. Und so träumte sie sich auch jetzt in den Himmel. Sie stellte sich vor, wie sie über den Dächern der Stadt schwebte. Wie sie Menschen, klein wie Spielzeugfiguren, beobachtete und wie die Wolken sie kitzelten. Wie sie selbst zu einem Vogel wurde.

Und plötzlich hörte sie es. Ein leises Zwitschern, von dem sie erst dachte, dass es ihrer Fantasie entspränge. Doch in Wahrheit kam es aus der Muschel, und im nächsten Augenblick gesellten sich weitere Geräusche dazu. Ferne Musik, das Plätschern eines Bachs, Ozeanrauschen, das Rascheln von Blättern, durch die der Wind fegte, Gelächter und ein überraschtes Seufzen.

Vor Staunen klappte ihr der Mund auf, was den Vogelweber zum Lächeln brachte.

„Die Muschel trägt Klangpartikel in sich. Mit ihnen hauchen wir den Vögeln eine Stimme ein. Schau.“

Mit diesen Worten führte er das spitze Ende der Blechtulpe zum Federgewebe, durch das daraufhin ein Zittern ging.

„Aber das Wichtigste ist das Licht.“

Und er hob ein längliches, durchscheinendes Gefäß an, das auf den ersten Blick wirkte wie ein Fernglas, in Wahrheit jedoch ein Lichtbündler war. Im Inneren des Gefäßes befanden sich mehrere hauchdünne Schichten Kristallglas, und als der Vogelweber den Lichtbündler in genau dem richtigen Winkel in das Sonnenlicht hielt, verfingen sich die Strahlen in der ersten Schicht und wurden immer konzentrierter, während sie von Kristallglas zu Kristallglas sprangen. Die magischen Lichtpartikel entwichen an der Rückseite der Röhre und strömten als glitzernder Strahl auf das Vogelgewebe zu.

Die Federn erzitterten und bauschten sich auf, als der Fae-Vogel seinen ersten Atemzug tat. Was eben ein bunter Haufen Federn gewesen war, nahm nun die Gestalt eines Tieres an. Schnabel und Krallen wuchsen aus dem Gewebe hervor, an den Kopfseiten bildeten sich die Augen wie schimmernde Perlen und der Vogel spreizte seine Flügel.

Das winzige Tier riss seinen Schnabel auf und schloss ihn wieder. Mehrmals wiederholte es dieselbe Bewegung und endlich entwich ihm ein Zwitschern, hell und klar wie das schönste Glockengebimmel.

„Und so“, erklärte der Vogelweber, „wird Leben aus Licht geboren.“

Das Bild des neugeborenen Fae-Vogels setzte sich in Lyras Fantasie als Inbegriff der Schönheit fest. Von da an wusste sie, dass sie auf dieser Welt nichts mehr wollte, als Vogelweberin zu werden. Eines Tages, das schwor sie sich, würde sie Leben aus Licht, Luft und Klängen erschaffen.

Als sie ihrem Vater davon erzählte, meinte er: „Wenn du eine wirklich große Vogelweberin werden möchtest, musst du in die Hauptstadt zur Turmalin-Akademie. Die Vogelweber dort erschaffen nicht nur die immergleichen Fae-Vögel. Sie kreieren neue Spezies, Tiere, die du noch nie gesehen hast, und sie erfüllen sie mit einer Magie, die ihnen erlaubt, bis über den Ozean zu fliegen.“

Seither träumte Lyra von der Turmalin-Akademie. Sie las so viele Bücher von ihr und betrachtete die Bilder so oft, dass sich diese in ihre Vorstellung einbrannten. Die glänzende Fassade aus Rosenquarz, die Türme, die sich grazil den Wolken entgegenstreckten. Die Brücken und Bögen, die sich zwischen ihnen spannten, so zahlreich, dass sie ein verwinkeltes Labyrinth im Himmel bildeten. Der mächtige Wasserfall, der dem schlossartigen Gebäude entsprang und in den Ozean donnerte. Die Vögel und anderen magischen Kreaturen, die um die Akademie herumflatterten. Lyra musste nur die Augen schließen, schon war sie da.

Doch als sie wirklich da war und die Akademie mit eigenen Augen sah, war diese von Rauch eingehüllt und die Stadt, die zu ihren Füßen lag, brannte.

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