Leseprobe – Magie aus Wasserseide

1.      Traumzeichnen

Das Kratzen Dutzender Federn auf Papier erfüllte die Luft. Vorsichtig tauchte Lyra die Federspitze in das Tintenfass und ließ sie in der durchscheinenden Flüssigkeit kreisen. Sie senkte den Kopf, bis ihre Nasenspitze fast die Tischplatte berührte, und setzte die Feder an. Mit zusammengekniffenen Augen zeichnete sie einen Halbkreis, von dem sie hoffte, dass er an der richtigen Stelle sein würde.

Nur ein feines Glitzern auf dem Papier wies darauf hin, wo sie die Linien gezogen hatte, denn Sternentinte, gewonnen aus dem Licht der Nacht, war für das bloße Auge unsichtbar.

Warum musste Traumzeichnen nur so schwierig sein?

Neben ihr tanzte Yivies Feder übers Papier, als gäbe es nichts Einfacheres. Ihre Finger lagen leicht am Federschaft, im Gegensatz zu Lyras, die den Holzstiel verkrampft umklammerten. Yivies Gesichtsausdruck wirkte verträumt und sie hatte sogar noch die Zeit, mit der linken Hand eine widerspenstige Strähne zurück in ihren Zopf zu stecken.

Yivie war die talentierteste Traumzeichnerin der Klasse, und weil sie und Lyra Freundinnen waren, hatte sie sich am Anfang des Schuljahres dazu bereit erklärt, in ihrer Freizeit mit Lyra zu üben. Doch ihre flinken Bewegungen und die Feinheit, mit der sie die unsichtbaren Linien zeichnete, konnte Lyra auch nach noch so vielen Übungsstunden nicht nachvollziehen. Es war ihr ein Rätsel, wie etwas, das ihr selbst dermaßen viel Kopfzerbrechen bereitete, für Yivie so einfach sein konnte.

Lyra blickte durch den Raum, der mehr nach Gewächshaus als nach einem typischen Klassenzimmer aussah. Mannshohe Fenster säumten die Wände und einen Teil der Dachschräge und öffneten sich zum Garten hin, in dem das ganze Jahr über Kirsch- und Apfelbäume, Hollundersträuche, Malvenbüsche und Sonnenblumen blühten. Die einzige fensterlose Wand bedeckten Regalreihen, die vor Pflanzen überquollen, und selbst das Lehrerpult war mit so vielen Blumentöpfen verstellt, dass Lyra sich wunderte, wie ihre Professorin Miss Elsgeroth dort Platz zum Schreiben fand.

Alle Lehrräume für Fae-Magie sahen so aus, denn um Träume zu zeichnen, Musik zu weben oder Leben in verdorrte Pflanzen zu hauchen, brauchte es Licht, genauso wie Luft und die Natur. Oder, um die Professorin, Miss Elsgeroth, zu zitieren: „Wie wollt ihr Naturmagie wirken ohne die Natur?“

Miss Elsgeroth war eine beeindruckende Erscheinung. Sie war fast zwei Meter groß, was selbst für eine Menschenfrau ungewöhnlich gewesen wäre, für eine Fae aber noch mehr. Ihr hüftlanges hellrotes Haar wurde mittlerweile von grauen Strähnen durchzogen. Trotzdem war ihre Haut glatt. Kaum eine Falte hatte sich auf ihr Gesicht geschlichen. Ihre Augen waren mandelförmig und von einer graublauen Farbe, und wenn sie einen anschaute, kam es einem so vor, als sähe sie bis unter die Schädeldecke. Als könnte sie die Gedanken ihrer Schüler lesen und auf den Grund ihrer tiefsten Geheimnisse schauen.

Vielleicht konnte sie das wirklich. Es war zwar verboten, so wie jegliche Emotionsmagie, doch Lyra hatte von Magiermeistern gehört, die solche Fähigkeiten im Geheimen besaßen. Und sollte es stimmen, was ihre Eltern erzählt hatten, war Miss Elsgeroth eine der fähigsten Fae-Zauberinnen des Landes und Mitglied der Magier-Gilde, die von Akademie-Leitern und sogar der Regierung Turmalins als Berater herangezogen wurde. Warum eine Magierin ihres Kalibers freiwillig ihre Zeit dafür verschwendete, jungen Fae die Grundkenntnisse der Naturmagie beizubringen, das war Lyra allerdings ein Rätsel. Vor allem, wenn diese Fae so untalentiert waren wie sie selbst.

Sie unterdrückte ein Seufzen, während sie mit zusammengekniffenen Augen auf ihr Papier starrte und zu erkennen versuchte, ob ihr die Zeichnung gelungen war oder ob sie noch weitere Linien brauchte. Die Sternentinte glitzerte zwar, aber was genau sie gemalt hatte, konnte sie nicht erkennen. So ein Mist! Dabei hatte sie sich ein denkbar einfaches Traumtier ausgesucht: einen Schmetterling. Etwas, das selbst Kleinkinder zeichnen könnten.

Warum musste sie bloß eine solche Niete sein?

„Wie ich sehe, seid ihr mit euren Zeichnungen fertig“, sagte Miss Elsgeroth.

Wie der Rest ihrer Erscheinung war auch ihre Stimme besonders, gleichzeitig rauchig und sanft. Sie sprach leise, trotzdem war es unmöglich, sie nicht zu hören.

Es klapperte, als die Schüler ihre Federn niederlegten. Lyra schaute sich nach beiden Seiten um. War sie wirklich die Einzige, die noch Zeit brauchte? Offenbar ja. Insgesamt waren sie fünfzehn Fae-Schüler, elf Mädchen, vier Jungen, alle um die siebzehn Jahre alt, die in einem Kreis aus hölzernen Tischchen um ihre Lehrerin herumsaßen. Zwei ihrer Mitschülerinnen machten ein beunruhigtes Gesicht, einer der Jungs studierte seine unsichtbare Zeichnung mit gerunzelter Stirn, doch auch er hatte die Feder nicht mehr in der Hand.

„Lyra, brauchst du noch Zeit?“, fragte die Professorin.

„Nein, ich äh … ich bin fertig.“

Sie rang sich ein Lächeln ab und legte ihren Federkiel neben sich. Fertig war definitiv eine Übertreibung, doch wenn sie ehrlich war, würde auch zusätzliche Zeit ihre Zeichnung nicht besser machen.

„Wunderbar.“ Miss Elsgeroth bedachte die Schüler einen nach dem anderen mit einem Lächeln. „Das Handwerk habt ihr geschafft, nun kommt die Magie. Als ich so alt war wie ihr, war das mein liebster Moment: die Träume, die ich erdacht und gemalt habe, auferstehen zu lassen.“

Neben Lyra schmunzelte Yivie glücklich, und auch die meisten ihrer Mitschüler machten erwartungsvolle Gesichter, während Lyras Magen grummelte, als hätte sie etwas Falsches gegessen. Sie bezweifelte stark, dass der Schmetterling, den sie gezeichnet hatte, große Ähnlichkeit mit dem aus ihrer Vorstellung hatte, und noch mehr, dass sie es schaffen würde, ihn vom Papier zu lösen.

„Nehmt eure Lupen“, forderte Miss Elsgeroth alle auf.

Die Lupen waren etwa so groß wie eine Handfläche und aus dünnem Kristall hergestellt. Die Oberfläche war so geschliffen, dass sie das Licht einfing und zu einem glitzernden Strahl bündelte. Richtete man diesen auf die Traumzeichnung, während man sich auf sein Traumbild konzentrierte, löste sich die Sternentinte vom Papier und verwandelte sich in einen wahr gewordenen Traum, am Leben erhalten durch die Kraft der Gedanken. Durch die Magie der Fae.

Zumindest sollte das theoretisch passieren. Praktisch hatte Lyra es bis heute kein einziges Mal geschafft, mehr als einen undefinierbaren Klecks mit Flügeln vom Papier zu lösen, der mit viel Fantasie eine Hummel hätte sein können.

Yivie streckte ihre Hand nach Lyra aus. „Du schaffst das“, flüsterte sie und drückte ihre Finger.

War Lyras Nervosität so offensichtlich?

„Danke.“ Sie atmete tief ein und ergriff die Lupe. Wenn sie ihre Zweifel beiseiteschob und fest genug an ihre Fähigkeiten glaubte, vielleicht würde es dann endlich gelingen.

„Achtet auf die Haltung eurer Lupen. Das Licht muss in einem schiefen Winkel auf das Kristallzentrum treffen. Wenn es sich bricht und ihr an den Rändern winzige Punkte seht, wie die Miniaturabbildung eines Regenbogens, dann habt ihr es richtig gemacht“, wies Miss Elsgeroth ihre Schüler an.

Lyra bemühte sich, die Lupe in der idealen Höhe, etwa zwei Handbreit über der Tischplatte, und in dem von Miss Elsgeroth beschriebenen Winkel zu halten. Als die ersten Regenbogenpunkte wie Ameisen vom Zentrum der Kristallluppe zu den Rändern krochen, presste sie die Lippen aufeinander. Gebündeltes Licht strahlte vom Kristallglas auf ihr Blatt und brachte die Sternentinte dazu, stärker zu funkeln.

„Bitte“, murmelte sie so leise, dass niemand außer ihr selbst es hören konnte.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte sie auf das Licht und die glitzernde Tinte. Die Naturmagie der Fae war wie die Luft. Sie hüllte einen ein, und wenn man sich ihr öffnete, würde man sie fühlen. Wie das Streicheln eines Windhauchs. Oder Gischt, die um Fußknöchel schwappt. Wie der Tanz von Schatten und Sonnenlicht auf der Haut. Man musste sich von der Magie lenken lassen – nicht umgekehrt.

Sie wollte sich öffnen, ja wirklich, aber je mehr sie versuchte, offen und frei zu sein, desto stärker verkrampften sich ihre Finger um den Griff der Lupe. Erst als ihre Zähne knirschten, merkte sie, wie fest sie diese aufeinandergepresst hatte.

Als es neben ihr raschelte, schaute sie zu Yivies Platz. Dort löste sich eine Gestalt vom Papier. Filigrane Linien glitzerten in der Luft und formten die Silhouette eines Vogels, der einige Zentimeter in die Höhe schwebte und dort seine Flügel spannte. Yivies Traumvogel war ein kleines Kunstwerk mit so vielen Details, wie Lyra sie noch nie bei einer Traumzeichnung in ihrer Klasse gesehen hatte. Sie erkannte einzelne Federn genauso wie die feingliedrigen Krallen, die der Vogel krümmte, als wollte er die Beweglichkeit seiner Glieder testen. Seine Schwanzfedern mündeten in fühlerartigen Ausläufen, an deren Enden Blüten baumelten. Das durchscheinende Tier war wunderschön.

„Toll, Yivie“, lobte die Lehrerin. „Nun, wo du dein Traumwesen heraufbeschworen hast, halt es fest. Lass es tanzen, lass es sich verwandeln. Hauch ihm Leben ein.“

Und Yivie tat wie ihr geheißen. Der Vogel flatterte höher und drehte eine Runde um Lyras Kopf, bevor er sich auf Miss Elsgeroths Schulter niederließ.

Kichern und aufgeregtes Flüstern drangen von der gegenüberliegenden Seite des Klassenzimmers. Bestimmt waren ihre Mitschüler genauso fasziniert wie Lyra von Yivies Kreation. Doch als sie aufschaute, bemerkte sie, dass dort drüben zwei weitere Mädchen es geschafft hatten, ihre Traumwesen vom Papier zu lösen. Über den Tisch von Meinel, einer sommersprossigen Mitschülerin mit kurzen rötlich-braunen Haaren, lief eine durchscheinende Maus. Vor ihrer Sitznachbarin flatterten glitzernde Libellen.

Na, wunderbar. Lyra wusste, dass sie sich für die anderen freuen sollte, doch in Wahrheit führte deren Können ihr umso mehr vor Augen, wie wenig Talent sie selbst hatte. Auf gar keinen Fall wollte sie – wieder einmal – die Einzige sein, die ihr Traumwesen nicht vom Papier bekam.

Sie schloss die Augen und versuchte, die Geräusche um sich herum so gut wie möglich auszublenden. In einer ihrer Übungsstunden hatte Yivie Lyra ihren persönlichen Trick erklärt: Sie hüllte sich mit Erinnerungen an Momente ein, in denen sie frei und glücklich gewesen war, um die Fae-Magie zu kanalisieren. Also wollte Lyra dasselbe probieren. Sie dachte an den Geruch von frischem Apfelkuchen, der im Herbst durch ihre Küche wehte. An das Rascheln von Blättern, wenn der Wind durch die Krone des Heilrath-Baums fuhr, während sie auf einem der höchsten Äste saß. Sie stellte sich vor, wie sie sich rücklings ins kalte Wasser der Rothsee-Ache hinter ihrem Elternhaus fallen ließ, wie ihre Glieder erst eiskalt und dann heiß wurden und wie ihre Haare unter Wasser um ihr Gesicht tanzten.

Ein sanftes Kribbeln breitete sich von ihrem Nacken aus und wanderte über ihren Hals bis in die Wangen. Es fühlte sich wie ein warmes Streicheln an, wie federleichte Küsse auf Lyras Haut. Das war es, das unverwechselbare Gefühl der Fae-Magie!

Vorsichtig lugte sie unter ihren halb geschlossenen Augenlidern hervor. Die Sternentinte glitzerte stärker als zuvor. Zwei, nein, drei Linien lösten sich vom Papier und schwebten langsam im Schein des Kristalllichts. Innerlich jubelte sie auf – es klappte!

Das Kribbeln in Lyras Wangen wurde stärker und wanderte in ihre Schläfe. Wärme breitete sich in ihrem Kopf aus, während immer mehr Linien aufstiegen. Zwar verschwommen und wackelig, doch die Umrisse der Schmetterlingsflügel waren deutlich zu erkennen – zumindest deutlicher als das undefinierbare Hummel-Traumtier bei Lyras letztem Versuch.

Plötzlich fuhr heißer Schmerz in ihre Stirn. Die Wärme, die bis eben hinter ihrer Stirn geprickelt hatte, explodierte, als hätte jemand ihr ein glühendes Messer in den Schädel gerammt. Sie stieß die Luft aus und ließ die Luppe fallen, die mit einem lauten Klock auf ihrer Tischplatte landete. Stöhnend lehnte Lyra sich nach vorne und drückte die Finger auf ihre Stirn. Aber es half nichts. In ihrem Kopf pochte die Hitze so heftig, als stünde ihr Schädel kurz davor zu explodieren.

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