Mutismus – Wenn die Stimme verschwindet

Mutismus – Wenn die Stimme verschwindet

Marie, die Protagonistin aus „Der Klang meiner Träume“ leidet seit ihrer Kindheit an selektivem Mutismus. Hinter diesem Begriff steckt eine psychisch oder emotional bedingte Unfähigkeit zu sprechen – in bestimmten Situationen oder mit bestimmten Personengruppen.

ICD-10, eines der weltweit bekanntesten Diagnose-Manuals für psychologische Erkrankungen, definiert Mutismus folgendermaßen:

„Dieser ist durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert, so dass das Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht. Diese Störung ist üblicherweise mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden.“ (ICD-10, 2022)

Mit anderen Worten: Wer unter Mutismus leidet, dessen Stimme „verschwindet“ in bestimmten Momente, z.B. wenn man mit Fremden spricht, in größeren Gruppen, außerhalb des eigenen Zuhauses … Dieses Verhalten wird oft als bloße Schüchternheit oder (vor allem bei Kindern) als „Bockigkeit“ missverstanden. Tatsächlich sind Betroffene aber nicht in der Lage, in bestimmten Momenten zu sprechen.

Verbreitet ist der selektive Mutismus vor allem bei Kindern. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kommt er seltener vor – trotzdem gibt es auch hier Personen, die unter dieser Form der „Stimmlosigkeit“ leiden. Stärke der Ausprägung sowie die Gründe, die hinter dem Mutismus stecken, sind dabei vielfältig.

Im Buch erklärt Marie ihren selektiven Mutismus so:

Vor einigen Jahren erzählte mir meine beste Freundin Lou die Geschichte eines Pantomimen, der verhungert war, nachdem er den Schlüssel zu seiner imaginären Kiste verloren hatte. Damals lachten wir über seine Misere. Wer stirbt schon in einem Fantasiegefängnis umgeben von unsichtbaren Mauern? Warum war er nicht einfach aufgestanden und gegangen? Warum hatte er sich keinen imaginären Bulldozer erdacht, um die Mauern einzureisen?

Allerdings verliert die Geschichte ihren Witz, wenn man selbst an Stelle des Pantomimen ist. Er hat mit Sicherheit nicht gelacht. Und ich tat es auch nicht mehr, nachdem ich begriff, dass ich sein Schicksal teilte. Zwar konnte ich gehen wohin ich wollte, doch diese scheinbare Freiheit täuschte. Die unsichtbare Mauer gab es auch in meinem Leben und obwohl andere sie als etwas belächelten, das nur in meinem Kopf existierte, fühlte sie sich doch schmerzhaft real an – diese gläserne Wand, die sich um meine Stimme schloss und keinen noch so kleinen Ton passieren lassen wollte.“

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